Der Tod von Sezgin Dağ muss aufgeklärt werden!

barrikade.info, Pressemitteilung zum kurdischen Flüchtling Sezgin, 23.12. 2020


Fotos von Migrant Solidarity Network


Die untenstehende Pressemitteilung zum kurdischen Flüchtling Sezgin Dağ (41), der sich in einem Berner Asylzentrum aufhielt und am 13. November 2020 in einem Taxi auf dem Weg ins Spital an einem Herzinfarkt starb, wurde am 21. Dezember 2020 in Bern vor dem Staatssekretariat für Migration öffentlich gemacht.


16 Organisationen unterzeichneten die Pressemitteilung und mehr als 60 Personen nahmen an der Veranstaltung teil.


Nach dem Ereignis wurde ein Treffen mit einer SEM-Beamtin vereinbart und es wurde um eine effektive Untersuchung und Aufdeckung der Verantwortlichen gebeten.

Der Beamtin des SEM, die ihr Bedauern ausdrückte und sagte, dass es ein tragisches Ereignis war, versprach eine echte Untersuchung.


Die Organisationen und Freunde, Verwandte von Sezgin Dağ, die an der Pressemitteilung teilnahmen, erklärten, dass sie den Fall für die Gerechtigkeit und zur Verhinderung des Todes neuer Sezgins verfolgen werden.


Wir sind der Meinung, dass der Tod von Sezgin Dağ der sich bis zum 13. November 2020 sich im Asylzentrum an der Grenzstrasse 17 in 3250 Lyss aufhielt, eine Verletzung des Rechts auf Leben darstellt und wir wollen, dass die Verantwortlichen vor dem Gesetz zur Rechenschaft gezogen werden.


Sezgin Dağ war für seine politische und oppositionelle Identität bekannt. In der Türkei war er ein aktives Mitglied in der ESP (Sozialistische Partei der Unterdrückten), der HDP (Demokratische Partei der Völker) und der IGIF (Föderation der Immigrierten Arbeiter in der Schweiz). Als politischer Flüchtling hatte er ein Ayslgesuch in der Schweiz gestellt.

Sezgin Dağ war auch ein Überlebender des Terroranschlags von Suruç. Dieser Anschlag fand am 20. Juli 2015 in der türkischen Grenzstadt Suruç statt. Bei dem ein Selbstmordattentäter, der Dschihadistenmiliz IS (Islamischer Staat) 33 junge Menschen getötet und mehr als 100 verletzt hatte. Sezgin Dağ war einer der schwer verletzten Opfer. Dieser Terroranschlag richtete sich gegen eine Versammlung von etwa 300 kurdischen und linksgerichteten jungen Menschen, die von Suruç aus über die nur zehn Kilometer entfernte syrische Grenze zur Kurdenstadt Kobane ziehen wollten, um dort beim Wiederaufbau zu helfen und Hilfsgüter zu bringen. Kobane wurde jahrelang von der Dschihadistenmiliz IS belagert und zerstört. Sezgin Dağ wurde nach dem Angriff jahrelang medizinisch betreut und trug bis zu seinem Tode die Splitterstücke des Bombenangriffs in seinem Körper.


Beim Ayslgesuch in der Schweiz erklärt er, den zuständigen Behörden, nicht nur die über ihn zur Vollstreckung ausgesetzten politischen Verurteilungen, er erklärte auch seinen kritischen Gesundheitszustand. Da er nicht nur mit den Splitterstücken in seinem Körper zu kämpfen hatte, sondern auch unter seiner Koronaren Herzkrankheit litt. In der Türkei hatte Sezgin einen Myokardinfarkt erlitten, nach der Genesung wurde ihm ein Stent gesetzt.


Er bat die Behörden in der Schweiz um eine angemessene Behandlung für seinen kritischen Gesundheitszustand. Er bat um das Recht auf Leben und Gesundheit.


Wir haben ernsthafte Zweifel, ob Sezgin eine angemessene medizinische Versorgung für seinen sensiblen Gesundheitszustand erhalten hat.


Es gibt offensichtliche Verstösse und Nachlässigkeiten, die zu seinem Tod geführt haben. Diese müssen untersucht und in den Ermittlungsverfahren miteinbezogen werden.

Begründung: Am 12. November 2020 begab sich Sezgin Dağ gegen 16.00 Uhr ins Spital Aarberg in der Lyss-Strasse 31, 3270 Aarberg, dass zur Insel-Gruppe gehört, mit den Beschwerden über Taubheitsgefühle im Arm und am Kiefer sowie Sodbrennen, Schmerzen im Hals und Magen. Diese Symptomatik hatte er auch beim Myokardinfarkt in der Türkei.

Nach unseren Recherchen, wurde ein Blutbild erstellt und eine Röntgenaufnahme durchgeführt.


Die Diagnose des behandelnden Arztes lautete Magenverstimmung und Herzrhythmusstörungen wegen des zuvor getrunkenen Energiegetränks.


Der Arzt verschrieb ein Dafalgan-Schmerzmittel und ein weiteres Medikament gegen sein Sodbrennen.


Sezgin wurde mit dieser Diagnostik und den Medikamenten ins Asylzentrum zurück geschickt.


Im Verlauf des Tages verschlechterte sich sein Zustand immer mehr. Seine Freunde haben den Verantwortlichen im Asylzentrum bedeutend über den Gesundheitszustand gewarnt.

Gegen 22.00 Uhr wurde es sehr kritisch und lebensbedrohlich für Sezgin. Nach Zeugenaussagen, hatte er Schaum vor dem Mund und weinte. Er umarmte sich selbst, schrie "Mein Herz, mein Herz!" und verkrampfte zeitweise.


In dieser kritischen und lebensbedrohlichen Situation bestellte der verantwortliche Mitarbeiter des Asylzentrums einen Taxi, anstatt eines Krankenwagens. Sezgin Dağ wurde, ohne Begleitung, alleine mit einem Taxi ins Spital Aarberg gefahren. Laut Aussage der leitenden Kommissarin ist er am 13. November 2020 um ca. 00.20 Uhr in diesem Taxi verstorben.


Wir wollen, dass die medizinische Versorgung von Sezgin Dağ ab dem Ayslgesuch bis zu seinem Tode; vor allem die Untersuchungsbefunde sowie die Behandlungen vom 12. November 2020 im Spital Aarberg und insbesondere muss das Management des Asylzentrums für seine Unverantwortlichkeit, die es vorzieht, in solch einer kritischen und lebensbedrohlichen Situation ein Taxi statt eines Krankenwagens zu rufen, vor dem Gesetz Rechenschaft ablegen und die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen offenlegt.


Die mangelnden Kontrollen der staatlichen Institutionen in den privatisierten Asylzentren führt zu solchen Ereignissen.


Es ist unverantwortlich und wir empfinden es als Diskriminierung gegenüber allen Flüchtlingen, dass die autorisierte Firma ORS ihre Mitarbeiter nicht anweist, in solchen lebensbedrohlichen Situationen einen Krankenwagen zu rufen.


Dies zeigt uns, dass der Profit des Managements vordergründiger ist, als ein Menschenleben.


Die überhöhten Kosten für die Ambulanzdienste sind ebenfalls ein wichtiger Mangel des schweizerischen Gesundheitssystems.


Wir sind traurig unseren Sohn, Bruder, Cousin und Freund verloren zu haben.

Die Verantwortlichen sowie das System, die für den tragischen Tod eine Mitschuld tragen, müssen in Frage gestellt werden.


Alle notwendigen rechtlichen Schritte müssen eingeleitet und um den Tod von weiteren Sezgins zu verhindern, müssen die notwendigen Vorkehrungen bedingungslos und dringend getroffen werden.


https://barrikade.info/article/4103

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