SUIZID MIT 18. Die Schweiz war für Susanna ein Zuhause. Nie aber ein Daheim

Dernière mise à jour : 14 janv.

Susanna wurde hier geboren. Sie sprach nie eine andere Sprache als Schweizerdeutsch. Trotzdem war sie nur eine vorläufig Aufgenommene, 18 Jahre lang. Dann entschied sie sich zu sterben.


Beobachter, von Lukas Lippert

Veröffentlicht am 7. Januar 2022

An einem Mittwoch im Frühling 2021 entscheidet sich Susanna zu sterben. Wie an jedem Tag geht sie am Morgen zur Arbeit in den Coiffeursalon in der Nähe des Bahnhofs Wil, wo sie das erste Lehrjahr absolviert. Um 11.30 Uhr verabschiedet sie sich in den Mittag. Um 12.20 Uhr schickt sie ihrer Mutter eine SMS.


Ich liebe dich über alles, aber ich bin sehr sehr müde … Ich habe in meinem Leben keine wünsche mehr oder Freude, diese Gefühle und Gedanken habe ich schon sehr lange. Mit 8 jahren hatte ich diesen Frust und trauer das erste mal, seitdem war es nie wieder gut. Ich habe sehr lange probiert, weiter zu machen und ehrlich glücklich zu sein, ohne immer nur so zu tun oder high sein zu müssen, aber ich kann das einfach nicht mehr. Ich bin kaputt, wie eine Maschine welche nur selten funktioniert … Ich möchte gerne ewig schlafen […]»


Um 12.25 Uhr steigt Susanna vom Perron auf das Gleis. Sie zögert kurz, hebt den Fuss. Der Lokführer denkt, die junge Frau will das Gleis überqueren. Als er sieht, dass sie stehen bleibt, leitet er die Vollbremsung ein. Die Kantonspolizei St. Gallen wird in den Rapport schreiben, dass Susanna sofort tot war.


Bitte endlich eine Antwort

Ein Jahr zuvor habe ich Susanna zum ersten Mal getroffen. Sie wartete vor dem Coop City in Winterthur, eine Zigarette im Mund. Susanna war gross und kräftig. Ihre dunklen Augen betonte sie mit schwarzem Kajal. Um den Hals trug sie ein Nazar-Amulett. Ein tränendes blaues Auge. Es soll vor Bösem bewahren.


Ihr drohe die Ausschaffung, sagte sie in ihrem hellen Ostschweizerdialekt. Sie wisse nicht mehr weiter. Sie möchte endlich eine Antwort auf die Frage, die sie seit Jahren beschäftigt: «Wieso habe ich nicht die gleichen Rechte wie alle anderen?» Susanna wurde in der Schweiz geboren, ging hier zur Schule, sprach nie eine andere Sprache als Schweizerdeutsch. Sie hatte nie etwas verbrochen. Trotzdem galt sie seit Geburt als vorläufig Aufgenommene.

Drei Stunden nach ihrem Tod rief mich ihre Mutter an. Gemeinsam fuhren wir nach Wattwil in Susannas erste eigene Wohnung. Sie bestand aus einem Zimmer mit Kochnische und einem kleinen Balkon mit Blick auf die Einfahrtstrasse. Die Rollläden waren heruntergelassen, Kartonkisten standen unausgepackt herum. Aus zwei übereinanderliegenden Matratzen hatte sie ein Bett gemacht, daneben lag ein schmutziger Kaffeelöffel, der aus einem umgefallenen Becher Schokoladenjoghurt gekippt war. Es sah aus, als wäre sie gerade eingezogen. Susanna hatte fast ein ganzes Jahr hier gelebt. Nach ihrem 18. Geburtstag, im Sommer 2020, war sie bei ihrer Mutter ausgezogen. Ich verlasse die Wohnung mit zwei Umzugskartons voller Dokumente, Briefe und Schulzeugnisse. Sie sind wie ein Seismograf, der Susannas Leiden dokumentiert. Im Sommer 1999 hatte er erstmals ausgeschlagen.


Susannas Mutter war von Istanbul in die Schweiz geflüchtet und hatte ein Asylgesuch gestellt. Wegen ihrer kurdischen Herkunft werde sie in der Türkei verfolgt, gab sie zu Protokoll. Ihr drohe Haft, weil sie sich geweigert habe, kurdische Landsleute für den türkischen Geheimdienst auszuspionieren. Drei Jahre lang wird sie auf einen Entscheid warten.


Nach einem Jahr mit Gelegenheitsjobs bekommt sie eine Anstellung im «Löwen» in Glattfelden im Zürcher Unterland. Ein Artikel aus der Lokalzeitung zeigt die 28-Jährige mit dem Geschäftsführer. Sie hat schulterlange schwarze Locken und lächelt schüchtern in die Kamera. Fast jeden Abend kommen portugiesische Saisonniers zu ihr an die Bar. Sie arbeiten auf dem Bau. Einer ist besonders lustig und lieb, trinkt viel.


Bald ist sie von ihm schwanger. Im März 2002 kommt ihre Tochter zur Welt, Susanna. Die Mutter gibt ihr den Zweitnamen Pinar, die Quelle.


Befristeter Aufenthalt

Drei Monate später erhält sie Post vom Bundesamt für Flüchtlinge, wie das Staatssekretariat für Migration (SEM) damals hiess. Der Asylantrag wird abgelehnt. Die Beamten glauben ihre Geschichte nicht. Eine Wegweisung erachten sie aber als unzumutbar. Mutter und Kind erhalten eine vorläufige Aufenthaltsbewilligung, befristet auf zwölf Monate. Der F-Ausweis kann jederzeit entzogen werden. Die beiden werden dem Kanton Thurgau zugewiesen, nach Sirnach ins Asylheim.

Im September 2003 heiraten Susannas Eltern. Der Vater stellt ein Gesuch um Familiennachzug. Der Portugiese besitzt eine Aufenthaltsbewilligung und kann für Frau und Tochter ein Bleiberecht beantragen. Die Familie ist nach Dussnang umgezogen, ein Dorf an der Grenze zum Toggenburg. Der Ortsbus hält im Stundentakt an der Hauptstrasse, der Volg ist auch Post und Metzgerei, im Wirtshaus höre ich, wie die Stammgäste über ihre Obstbäume diskutieren. Die Familie wohnt im dritten Stock eines farblosen Wohnblocks am Waldrand.


Das Geld ist immer knapp. Den Lohn gibt der Vater für Heroin aus. Die Mutter hat es nicht bemerkt – bis sie vom Küchenfenster aus beobachtet, wie er im Auto das braune Pulver auf einer Alufolie erhitzt und raucht.


Nach der Arbeit verprügelt er Susannas Mutter. Mehrmals so heftig, dass die Polizei vorbeikommt. Als Susanna zweijährig ist, wird ihre Mutter wieder schwanger. Das sechseinhalb Monate alte Baby im Bauch verliert sie an ihrem 32. Geburtstag – als Folge seiner Schläge.


Sie zeigt ihren Mann nicht an. Sie hat Angst, dass sie in die Türkei zurückgeschickt wird.

Immer wieder flüchtet die Mutter mit der dreijährigen Susanna ins Frauenhaus. Ihre Sorgen ertränkt sie im Wodka. Nur im Rausch vergisst sie die Schmerzen und findet Schlaf.